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Kino & TV

Climax – Im Dezember bundesweit in den Kinos

Bei der diesjährigen Weltpremiere in Cannes wurde Climax in der Reihe Quinzaine des Réalisateurs mit dem Hauptpreis ausgezeichnet und sorgte wiederholt für Szenenapplaus.

Zu Recht. Climax ist ein Filmrausch, dem man sich nicht entziehen kann.

21 junge Tänzer sind bereit. Ein Tag noch, dann werden sie auf Tournee gehen, erst in Frankreich, dann in den USA. Vor der Abreise haben sie sich versammelt. Sie wollen zusammen tanzen. Sich näher kommen. Reden und feiern. Unablässig pumpt die Musik Beats in den Raum. Sangria fließt in Strömen. Die Stimmung ist bestens. Bis Selva (Sofia Boutella) eine Entdeckung macht: Jemand hat Drogen in die Drinks gemischt. Nach und nach beginnen sie zu wirken. Panik macht sich breit. Der Schuldige wird gesucht, ein kollektiver Horrortrip beginnt. Aus Angst wird Paranoia, aus unterschwelliger Aggression offene Gewalt, aus Zuneigung unkontrollierte Begierde. Die energetische Choreographie löst sich in Chaos auf. Die Tänzer taumeln, stolpern und tanzen weiter in höchster Ekstase bis zum Morgengrauen als die Polizei eintrifft und das ganze Ausmaß entdeckt.

Gaspar Noé macht keine halben Sachen: Irreversibel. Enther the void. Love Seine Filme sind visionäre, körperlich spürbare Erfahrungen, kompromisslos und berauschend und endlos faszinierend. Climax steht den Vorgängern in nichts nach: Es ist der mitreißendste Film des argentinisch- französischen Agent provocateurs, eine in langen eigenwilligen Einstellungen gedrehte Höllenfahrt, angefüllt mit unfassbaren Tanzszenen. An der Spitze des attraktiven Casts, bestehend aus den besten Tänzern, die Noé finden konnte, steht die legendäre Breakdancerin Sofia Boutella (Kingsman, die Mumie, Atomic Blonde). Die treibende Musik wurde von dem angesagten französischen DJ Kiddy Smile furios gemischt.

WIE?

Regiekommentar von Gaspar Noé

Situationen, in denen völlig unvermittelt Chaos und Anarchie ausbrechen, haben mich immer schon fasziniert. Sie können unterschiedlichster Natur sein: Straßenkeilereien. Schamanistische Sitzungen, die von psychedelischen Pilzen verstärkt werden. Partys, bei denen die Feiernden kollektiv die Kontrolle verlieren, weil sie exzessiv Alkohol konsumiert haben.

Das gilt auch für die Herstellung meiner Filme. Nichts bereitet mir größeres Vergnügen, als vor dem Drehtag nichts geschrieben zu haben und völlig unvorbereitet zu sein. Wenn die Dinge sich, soweit es möglich ist, vor meinen Augen entwickeln, wie bei einer Dokumentation. Wenn dann zusätzlich Chaos ausbricht, macht mich das noch glücklicher. Weil ich weiß, dass jetzt Bilder entstehen, die voller Kraft sind, die näher an der Realität sind als am Theater.

Deshalb habe ich auf ein traditionelles Drehbuch verzichtet. Ich habe mich dafür entschieden, diese fiese und verwunschene Geschichte ganz simpel und geradlinig zu erzählen. Ein Trupp Tänzer versammelt sich in einem isolierten Gebäude, um sich auf eine Aufführung vorzubereiten. Nach der letzten Probe bricht Chaos aus. Ich habe mit einer eine Seite langen Outline begonnen. Das erlaubte es mir, beim Dreh Momente der Wahrheit einzufangen und diese Abfolge von Ereignissen kollektiv in Bildern festzuhalten. Wenn man will, dass Tänzer, Schauspieler oder Laien sich körperlich und verbal auf chaotische Weise ausdrücken, kommt man an Improvisation nicht vorbei.

Was das Tanzen betrifft, war nur die erste Szene choreographiert. Ansonsten hatten die Tänzer alle Freiheit, sich in ihrer eigenen Sprache auszudrücken, die sich oft ganz nahe am Unterbewussten bewegt. Auf diese Weise offenbaren sie ihre individuellen inneren Tumulte. In Tanzstilen wie Voguing, Waacking oder Krump stellen die Teilnehmer ihre körperlichen Fähigkeiten mit bestürzender Spontaneität aus. Wenn man es mit den bestmöglichen Tänzern zu tun hat, dann ist dieser Akt besonders überwältigend.

Die Szenen wurden chronologisch gedreht. Ich wollte ein allgemeines Vertrauen aufbauen. Und ich wollte einen Wettbewerbsgeist kultivieren, der die Tänzer zu immer noch psychotischeren Darstellungen antreibt. Anders als bei konventionelleren Darstellungen von Tanz, wo jeder Schritt geplant und festgelegt ist, versuchte ich, meine Protagonisten dazu anzutreiben, Stadien der Besessenheit zu simulieren, wie man es bei ritueller Trance erlebt.

Obwohl Drogen durchaus eine Rolle spielen in der Geschichte, hatte ich diesmal nicht die Absicht, veränderte Stadien der Wahrnehmung subjektiv mit Hilfe visueller Effekte und Sound darzustellen. Im Gegenteil. Ich wollte den Figuren immer von außen zusehen. Eine andere Regel war, so schnell wie möglich und in langen Einstellungen zu drehen. Das war möglich, weil wir uns entschieden

hatten, an einem ungewöhnlichen Drehort zu filmen. Das erlaubte es mir, alle Szenen während zwei Wochen im Februar 2018 festzuhalten. Dennoch probten wir die erste choreographierte Szene mit unseren Tänzern. Und um sie auf die anderen Tanzsequenzen einzustimmen, ließen wir sie die Musik anhören, die wir bereits ausgesucht hatten.

Wenn man über Tanz redet, redet man über Musik. Um der Ära zu entsprechen, in der der Film spielt, gibt es darin kein Stück, egal ob elektrifiziert oder melodisch, das es Mitte der Neunzigerjahre nicht bereits gab. Um einen familiären emotionalen Zustand zu erzielen, versuchten wir Stücke einzusetzen, die ein möglichst breites Publikum ansprechen.

WARUM?

Manchmal gibt es Ereignisse, die sind symptomatisch für eine Ära. Diese Ereignisse explodieren, ob aus eigenem Antrieb oder gesteuert, bis sie die Strafverfolgungsbehörden erreichen. Manche von ihnen gelangen dann an die Öffentlichkeit. Sie erhalten eine neue Dimension. Sie werden vergrößert, reduziert, falsch dargestellt, verdaut oder auch nicht. Gelebtes Leben, ob nun glorreich oder schandhaft, wird auf Papier festgehalten und verschwindet dann schnell im kollektiven Vergessen. Existenz ist nur eine flüchtige Illusion, die jeder von uns mit ins Grab nimmt.

Wenn wir Biographien lesen, wird alles und das Gegenteil behauptet. Bei Skandalen oder Nachrichten verhält es sich genauso. Die neuen Kommunikationskanäle, die sich in den letzten 20 Jahren verbreitet haben, haben Objektivität eine Illusion werden lassen.

Menschen – wie Tiere – werden geboren, leben und sterben. Die Spuren, die wir hinterlassen, sind nicht mehr als ein Gänseblümchen in einem riesigen Feld. Freuden und Schmerz, Leistungen und Versagen sind nur Teil einer virtuellen Wahrnehmung, sie finden in einer Gegenwart statt, die außerhalb ihrer Erinnerung keine Rolle spielen.

Im Jahr 1996 sorgten mehr als eine Million Geschichten für Schlagzeilen. Geschichten, die heute längst vergessen sind. Und morgen erst recht. Manche, die damals am Leben waren, sind auch heute noch unter uns. Aber von der großen Mehrheit ist nichts mehr übrig. Ein Name auf dem Friedhof vielleicht oder in einer alten Zeitung, die im Keller vor sich hin modert.

Wenn sie besonders intensiv sind, erlauben es uns die Genüsse der Gegenwart, die endlose Leere zu verdrängen. Freude, Ekstase – ob nun konstruktiv oder destruktiv – sind wie ein Gegenmittel für diese Leere. Liebe, Kunst, Tanz, Krieg, Sport scheinen unsere kurze Zeit auf der Erde zu rechtfertigen. Von diesen Ablenkungen hat mich Tanz immer schon am glücklichsten gemacht. Als ich nun also einen neuen Film machen wollte, schien es mir besonders aufregend, ihn auf einer Schlagzeile von damals basieren zu lassen und mit Tänzern zu besetzen, deren Talent mich fasziniert. Mit diesem Projekt war es mir möglich, abermals meine Träume und Albträume auf der Leinwand zu Leben zu erwecken.

1996 ist gerade einmal eine Nacht her. Nur dass es damals noch keine Mobiltelefone und kein Internet gab. Aber die beste Musik dieses Morgens gab es bereits. In Frankreich brachten Daft Punk ihre erste Platte auf den Markt. LA HAINE war gerade in die Kinos gekommen. Und dem Magazin
„Hara-Kiri“ gelang es eindeutig nicht, wieder auf die Beine zu kommen. Das Massaker der Adepten der Sonnentempler wurde von den okkulten Mächten des Staates unterdrückt. Und es gab jene, die davon träumten, ein mächtiges und friedvolles Europa zu errichten, während ein barbarischer Krieg sein Inneres infizierte. Kriege sorgen für Bewegung, Bevölkerungen verändern sich genauso wie unsere Überzeugungen und Lebensweisen. Und das, was sich Gott nennt, wird sich immer auf die

Seite der effektivsten Schusswaffe schlagen. Was war, wird sein. Das Komma mag sich bewegen, aber die Essenz des Satzes wird sich nicht verändern.

WER?

Von Anfang an sah es das Konzept vor, einen Film mit den besten Tänzern zu machen, die sich in Frankreich finden ließen oder zum Dreh reisen konnten. Die Absicht war es, in den Mittelpunkt der Handlung den körperlichen Ausdruck zu stellen. Deshalb suchten Serge Catoire und ich gezielt nicht nach Schauspielern, sondern besuchten Krump-Battles und Voguing-Bälle rund um Paris und sahen uns Tanzvideos im Internet an. Sehr schnell und instinktiv verstanden wir, mit welchen Tänzern es wunderbar wäre, eine Truppe zu formen und einen Film zu drehen. Wir überzeugten die wagemutigen Edouard Weil (Rectangle Productions) und Vincent Maraval (Wild Bunch), die bereits bei LOVE unsere Koproduzenten gewesen waren, und dieser Low-Budget-Film nahm Fahrt auf. Bei unserem allerersten Besuch eines Voguing-Balls waren wir Gäste von Léa Vlamos, und ich lernte Kiddy Smile kennen, ein großartiger DJ und Musiker, der mich einlud, die Tanzbattles von der Bühne aus zu beobachten. Serge und ich hatten eine solche überwältigende Energie in Paris nicht mehr gespürt, seitdem wir als junge Männer mitten in gewalttätige Straßendemonstrationen geraten waren.

Es gelang uns, Kontakt zu den Tänzern aufzunehmen, die uns träumen ließen. Wir stellten ihnen unser Filmprojekt vor, das bereits eine Handlung hatte, aber keine festgelegten Dialoge. Zu unserer Überraschung meldete der Sender ARTE Interesse an unserem Projekt an. Kiddy fungierte als unser „Gottvater“. Er kontaktierte – und vor allem: er überzeugte! – in unserem Namen manche seiner Freunde aus dem Voguing-Zirkel. Es lag auf der Hand, ihm die Rolle des DJ Daddy anzubieten. Gleichzeitig hatte ich die Eingebung, Kontakt zu der legendären Sofia Boutella in Los Angeles aufzunehmen, die ich zuvor schon einmal getroffen hatte, und sie für die Hauptrolle der Choreographin zu gewinnen. Ihre Tanzvideos faszinierten mich ebenso wie sie selbst. Seit einiger Zeit hatte sie sich auf die Schauspielerei verlegt und war in einer Reihe zunehmend größerer Filme zu sehen gewesen. Ich wusste, dass sie die Kraft haben würde und den Wahnsinn, die nötig waren, um diese extreme und vielschichtige Rolle zu spielen. Bevor sie mir eine Antwort gab, empfahl sie mir die aus ihrer Sicht beste Wahl für die Choreographie des Films, Nina McNeely. Ich kann ihr nicht genug danken für diese brillante Idee. Die Präsenz gewisser Tänzer ließ uns wieder für andere interessant erscheinen. Kleine Gruppen reagierten positiv auf unsere Angebote. Wir hatten das große Glück, Waackers, Krumpers und eine Gruppe von Elektrotänzern (darunter Romain Guillermic und Taylor Kastle) zu treffen, die uns postwendend Videos von sich zuschickten, wie sie verschiedene Stadien der Trance simulierten. Genuss folgte auf Genuss. Im Januar meldete ich mich bei meinen vertrautesten Mitstreitern, die sich für den Dreh Platz in ihrem Terminplan freiräumten (Benoît Debie, Lazare Pedron, Ken Yasumoto, Rodolphe Chabrier, Pascal Mayer, Fred Cambier, Denis Bedlow, Marc Boucrot, Tom Kan und Laufrent Lufroy). Zu ihnen stießen als Unterstützer außerdem Thomas Bangalter und zwei wunderbare neue Mitstreiter: Szenenbildner Jean Rabasse und die erste Regieassistentin Claire Corbetta-Doll.

In Rekordzeit trieben wir eine stillgelegte Schule in Vitry auf und waren in der Lage, uns die Rechte an Musikstücken zu sichern, von deren Einsatz ich träumte. Zwei Tage vor Drehstart trafen wir die

Akrobatin und Schauspielerin Souheila Yacoub und beschafften dem beeindruckenden Kontortionisten Strauss Serpent eine Arbeitsgenehmigung, damit er aus Kamerun zu uns stoßen konnte. Wir ließen uns leiten von unseren eigenen unterschiedlichsten Erfahrungen mit unkontrollierten Zusammenstößen und erlebten einen Dreh, der geprägt war von einer Atmosphäre des puren Genusses. Die Improvisationen der Tänzer, auf dem Dancefloor wie auch bei den aus dem Stegreif entstandenen Dialogen, begeisterten uns alle.

Zwei Monate danach liegt das Ergebnis vor. Wir freuen uns, diese bescheidene Nachstellung einer freudvollen wie auch traurigen Realität vorzustellen.

Mein Dank geht an die, die uns gemacht haben, und die, die nicht mehr unter uns sind… Die Party kann beginnen!

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